Licht und Schatten
Meine Glaubensreise beginnt in einer kleinen, dörflichen Mädchen-Jungschar, zu der mich eine Klassenkameradin eingeladen hatte. An viel kann ich mich nicht mehr erinnern, aber an ein Lieblingslied aus dieser Zeit: „Vergiss es nie, dass du lebst war keine eigene Idee..“.
Die gute Gemeinschaft und Herzlichkeit der Leiterinnen haben mich bleiben lassen, bis wir irgendwann zu alt wurden und plötzlich die Küken im Jugendkreis, ein Dorf weiter, waren. Auch hier war ein liebevoller Umgang miteinander eindrücklich und viele der Leiter:innen sind mir zu echten Glaubensvorbildern geworden. Der Freitagabend war immer das Highlight der Woche; weit weg von Schulfrust und nervigen Klassenkameraden. Ein Ort, an dem ich immer willkommen war und ermutigt wurde. Dort sind drei meiner wichtigsten Freundschaften entstanden, die bis heute anhalten. Ich durfte nicht nur Gott als liebenden Vater, sondern auch mich als sein einzigartiges Geschöpf besser kennenlernen. Die Musik hat dabei eine wichtige Rolle gespielt und ich konnte mich im Singen und Keyboardspielen ausprobieren und verbessern.
Irgendwann sind wir dann auch sonntags in den Gottesdienst gegangen. Für mich totales Neuland, wo ich bisher nur die langwierigen katholischen Messen kannte. Das war in unserem „Teehüsli“ ganz anders, moderner und mitten im Leben. Hier wurde und wird Freude und Leid miteinander geteilt. Von den „normalen“ Teeniesachen habe ich zu dem Zeitpunkt nichts vermisst, auch wenn man das ein oder andere Mal schräg angeschaut wurde, weil man bestimmte Dinge nicht mitgemacht hat. Das soll jetzt nicht so klingen, als wäre alles immer Friede-Freude-Eierkuchen gewesen, bei Weitem nicht! Denn mit Brille, starker Akne, einer festen Zahnspange in Kombination mit einem geringen Selbstbewusstsein, war ich die perfekte Mobbing-Zielscheibe einiger Möchtegern bad boys. Doch der Glaube, gute Freundinnen und meine Familie haben mich durchgetragen.
Liebeskummer gab es auch – na klar – und im Nachhinein frage ich mich, ob ich eigentlich an Geschmacksverirrung gelitten habe bzw. Wie viele winkende Zaunpfähle ich übersehen konnte. Auch in diesem Lebensbereich durfte ich erleben, dass Gott aus dem größten Mist noch Dünger machen kann und nicht derjenige ist, der mit erhobenem Zeigefinger da steht und mit strenger Miene sagt: „ich hab‘s ja kommen sehen“ – sondern viel mehr geduldig, mit offenen Armen auf mich gewartet hat, wenn ich mal wieder einem vermeintlichen Märchenprinzen hinterher getrabt bin.
In der Ausbildung und im späteren Beruf fiel es mir schwer, Gott zwischen Exceltabellen oder Mails von chinesischen Lieferanten zu entdecken. Bis es mir irgendwann endgültig reichte und ich, zugegeben mit weichen Knien, meine Kündigung eingereicht habe. Tausche sicheren Job gegen Praktikum auf Spendenbasis und altbekanntes Dorfleben gegen turbulente Großstadt. Was soll ich sagen? Mut wird belohnt und ich wage zu behaupten, die folgenden sieben Monate in Wien haben mich mit am stärksten geprägt. Was für ein Unterschied, wenn es in einem Unternehmen um Menschen geht, anstatt um Auftragszahlen. Wenn man gesehen wird, gefördert und gefordert, obwohl man „nur“ die Praktikantin ist. Ich hätte noch länger bleiben dürfen, doch das Heimweh nach Familie und Freunden war stärker.
So bin ich dann auf St. Chrischona gelandet, auch so ein Glaubensschritt, zu dem mich mehrere Menschen ermutigt haben, da ich mir für die Aufgabe zu jung und unerfahren vorkam. Zum Glück sahen das die Vorgesetzten anders und ich hatte meinen Herzensjob als Leiterin im Studiensekretariat gefunden. Auch das war manchmal harzig, aber gleichzeitig hat es mich sowohl im Glauben, als auch in puncto Selbstbewusstsein und Menschenkenntnis wachsen lassen. Das wäre jetzt ein schönes Happyend, wenn das Leben denn ein Märchen wäre.
Meinen Prinzen habe ich zwar bekommen, doch dann kam bald schon eine der schwersten und dunkelsten Zeiten in meinem Leben.
Die Geburt unserer Tochter Lia verlief laut der dienshabenden Hebammen „bilderbuchmäßig“ und wir hätten glücklicher nicht sein können. Da hatten wir aber die Rechnung ohne die Hormone und meine offensichtlich angeknackste Psyche gemacht. So etwas Schlimmes wie eine Wochenbettdepression gepaart mit einer Psychose wünsche ich nicht einmal meinem ärgsten Feind. Neun Monate freut man sich auf dieses Wunschkind und dann spielt einem die Psyche einen Streich. Ich wurde getrennt von Mann und Kind und landete in der Psychiatrie. Wenn ich meine Tagebucheinträge von damals lese, läuft es mir kalt den Rücken herunter. Ich war mir zu dieser Zeit selbst fremd und konnte Wirklichkeit und das, was mir mein Kopf vorgaukelte, nicht mehr voneinander unterscheiden. Es brauchte gleich zwei Anläufe, bis ich wieder daheim sein konnte um mich langsam mit der Mama-Rolle anzufreunden. Natürlich haben auch Medikamente und therapeutische Gespräche dazu beigetragen, doch ich bin davon überzeugt, dass Gott auch mitten im Leid und der Verzweiflung da war und mich und unsere kleine Familie beschützt hat, angefeuert durch die vielen Gebete und wohlwollenden Gedanken aus unserem Umfeld. Ich glaube fest daran, dass Gott viel mehr kann, als wir ihm zutrauen. Ich habe erlebt, dass er mich von meiner Depression geheilt hat und mir den Mut geschenkt hat, noch ein zweites Kind zu bekommen.
Der Name Jannik bedeutet: „Gott ist gnädig.“ Sein zweiter Vorname Luca bedeutet „Licht“. Dieser kleine Kerl bringt uns so viel Freude und Lachen; um keinen Preis der Welt würde ich das missen wollen. Trotzdem frage ich mich, warum ich nach seiner Geburt nochmal in so ein Loch fallen musste. Ich habe darauf noch keine zufriedenstellende Antwort gefunden. Vielleicht ist auch ein Teil der Antwort die, dass ich jetzt hier sitze und diesen Text schreibe. Weil Gott mir zeigen wollte, warum das Leben auch in den Schattenzeiten lebenswert ist. Dass sich Mut für Neuanfänge immer auszahlt und vor allem, dass er meine tiefsten Gedanken und Herzenswünsche kennt.
„Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei bleiben. Aber am größten ist die Liebe.“ (1. Korinther 13,13)
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